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      <marc:subfield code="a">Intrigen</marc:subfield>
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      <marc:subfield code="a">Die Metamorphose des Georg Susacek detto Herr Susi: Vom vorbestraften Versicherungsangestellten zum erfolgreichen Immobilienmakler. Vom Beiselcasanova zum promiskuitiven Gatten einer Stadtschönheit. Vom smarten Nobody zum omnipräsenten Society-Mittelpunkt. Vom fahnenschwingenden Ultrá in der Nordostkurve zum Klubpräsidenten auf der Ehrentribüne. Der vermeintliche Erfolgsbericht eines zweifelhaften Helden offenbart dessen Gier nach Prestige und Einfluss als Füllstoffe des inneren Vakuums.#Thomas Glavinic entwirft hierbei das Bild eines unverbesserlichen Egomanen, der durch Charakterlosigkeit, unbestreitbare Cleverness, die gesteigerte Fähigkeit zur Selbstinszenierung, eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit und die Dumpfheit einer eitlen und dekadenten Provinzhautevolee scheinbar ans Ziel seiner Träume gelangt.#Ein trotz einiger Überzeichnungen glaubhafter, maliziöser, zuweilen recht deftiger Versuch, einen Blick unter die Hochglanzoberfläche einer selbstverliebten und sinnentleerten Seitenblickegesellschaft zu werfen.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Helmut Gollner; #Welt-Reisen / Zu Thomas Glavinics zweitem Roman "Herr Susi"##Ein Erzähler braucht Welt. Die kann man sich verschaffen, indem man die Augen aufmacht oder indem man die Augen zumacht: im einen Fall entsteht die Geschichte aus der Versammlung der Objekte, im andern Fall aus der Sammlung des Ichs. Beide poetischen Verfahren (immer natürlich mit fließenden Grenzen) erzeugen Welt. Projekt bleibt die Welt da wie dort.#Thomas Glavinic gehört wohl zu ersterer Erzähler-Kategorie. Er hat, wenn ich ihn recht verstehe, den Anspruch, sein Projekt Welt außerhalb der Autobiographie zu verfolgen; seine Welt-Reise nicht wieder nur zu Ich-Berichten zu nutzen. Zu diesem Anspruch gehört, »alles« erzählen zu können (und nicht nur die eigene Geschichte). Also hat er bis jetzt zwei ganz verschiedene Romane geschrieben.#Sein Erstling ("Carl Haffners Liebe zum Unentschieden", 1998, bereits in mehrere Sprachen übersetzt) erzählt höchst sensibel die Geschichte eines höchst sensiblen Schachspielers. Der Held des vorliegenden zweiten Romans, Herr Susi (das ist: Georg Susacek), hat keine so zarten Saiten,     also wechselt auch sein Autor die Saiten; Glavinic paßt programmatisch seine Sprache den Geschichten an und nicht die Geschichten seiner Sprache.#Herr Susi ist ein rechtes Sozialschwein. Seine Talente heißen: Schmäh, Potenz, Gewissenlosigkeit. Damit kommt er gut voran, im Beruf und bei den Frauen; die »Beziehungen«, zu denen er fähig ist, sind entweder genital oder mafios. Wir befinden uns in der kumpelhaften Halbwelt von Korruption, Drogenhandel, Prostitution. Susis Aufstieg beruhte auf der Kunst gegenseitigen Händewaschens und Halsumdrehens. Auftauchende Gewissensbisse unterdrückt Herr Susi allemal. Susi hat seinen persönlichen Gipfel erreicht: er avancierte vom kleinen Versicherungsgauner zum großen Immobiliengauner, und vor allem: er ist Präsident eines österreichischen Fußballgroßklubs in einer südlichen Landeshauptstadt. (Hat Herr Kartnig das Buch schon gelesen? Das Buch ist aber keineswegs ein Schlüsselroman!) Zurück läßt Susi eine Ehe- und mehrere andere Frauen, weil er zu Frauen nur in funktionale und nicht in personale Beziehung treten kann, und ein Kind, das er gar nicht richtig bemerkt hat.#Thomas Glavinic läßt Herrn Susi selbst sein Leben erzählen. Seine Entlarvung muß daher nicht über den Kommentar des Autors laufen (und eintrocknen), sie läuft auch nicht über Herrn Susis Selbsterkenntnis (die hat er nicht), sondern ist eine handlungs- und sprachimmanente (also der erzählerische Idealfall). Mehrmals muß man an Helmut Qualtingers literarische Methode der sprachlichen Identifikation mit seinem »Herrn Karl« denken.#Eine der wenigen Parallelen zum ersten Buch ist die Erzählstrategie: In alternierenden Kapiteln erzählt Herr Susi seinen Aufstieg (seine Vergangenheit) und seinen Gipfelaufenthalt (seine Gegenwart); der kleine zweite Teil des Romans verlängert dann den Gegenwartsbericht bis zum gewünschten Abbruch. Diese Parallelmethode kombiniert Prozeß mit Ergebnis, versetzt den Befund also in Bewegung und mit Plausibilität.#Glavinics Erzähltugenden: eine schlagfertige, oft witzige Lakonik, die vor allem die Kunst des Aussparens beherrscht; die Beschränkung auf ein »reines« Erzählen, das auf Erklärungen und Erkenntnisse verzichtet bzw. sie dem Leser überläßt; ein großer, müheloser Reichtum an absichtslos wirkenden Situationen, die dadurch, daß ein Charakter sich in ihnen aufhält, in Summe einer weitreichenden Charakterologie dienen und durch ihre Konkretheit für genügend Authentizität und Stimmigkeit sorgen; und die rechte Schürzung des Materials.#Im Verlauf der Lektüre wird immer klarer, daß der Roman, bei all seinem sozialen Sarkasmus, nicht (nur) eine Sozialsatire vom Aufstieg (und womöglich Fall) eines korrupten Emporkömmlings in einer korrupten Gesellschaft ist, sondern (auch) ein überzeugendes Charakterbild des Narziß. Glavinic tut seinen Helden nicht ab, indem er ihn zum Typ oder zur Karikatur in einem sozialkritischen Planspiel degradiert, sondern nimmt ihn in seiner ganzen Beschädigung ernst. Daher kann ihn auch der Leser nicht einfach als kriminellen oder pathologischen Fall abtun. Auch Sozialkritik funktioniert ja erzählerisch am besten über die ernsthafte Gestaltung des Individuums.#Herr Susi sammelt Zeitungsausschnitte über seine Erfolge, verschließt sie in der Schublade und liest sie heimlich immer wieder durch; in den Cafés schaut er genau und über den Gesprächspartner hinweg, wieviele Leute ihn schon erkennen; Frauen sind interessant nur bis zur Eroberung. Der Narziß findet und feiert sich allein im (gesellschaftlichen) Erfolg. Seine Substanzlosigkeit besteht darin, daß er an den Tätigkeiten selbst, die zum Erfolg führten, nicht das mindeste Interesse hat. Am Ziel hat er dann nichts mehr vor sich als sich: die große Leere. Allein mit sich hält es Herr Susi nicht aus, sogar abgelegte Frauen ruft er dann herbei.#Von Max Horkheimer stammt der Ausspruch, daß alle Gewalt aus der Sinnlosigkeit komme. Susis Lebensleere bedeutet im Grunde eine existentielle Frustration, deren Aggressionsfolgen potentiell vom Selbstmord bis zum Mord reichen. Gott sei Dank aber läßt der Autor seinen Helden weder in der einen (Autounfall) noch in der anderen Tragik (Mord?) abstürzen. Ein tragisches Ende würde sofort Weltanschauung hinausposaunen und den Charakterentwurf als Drama entkräften.#Der Schluß ist dann ein kleines Gaunerstück des Autors selbst; es verschafft gründliches Amusement. Soviel sei verraten: es erspart den Zeigefinger oder die Faust gegen Susi, gibt dem Roman zusätzliche Konsequenz und bedeutet zugleich ein poetologisches Apercu, mit dem sich der Autor nicht nur als Souverän seiner Geschichte, sondern als Souverän des Geschichtenschreibens überhaupt verabschiedet.#Das zweite Buch ist meistens das schwierigste. Im Fall Gavinic hat es das erste mindestens bestätigt und macht mindestens neugierig auf die nächste Station seiner Welten-Reise.## ---- #Quelle: SCHRIFT/zeichen; #Ich habe sie nicht gezählt, die "unschönen" Wörter, aber auch als Sprachstudie wäre das Buch durchaus lesenswert. Wenn auch nicht für sanfte Gemüter. Der zweite Roman von Thomas Glavinic konfrontiert mit einem (r)echten Schwein. So grausam echt und unverhüllt, dass sich durchaus "schweinische" Gegenwart und Realität erkennen lassen. In Ich-Form erzählt Georg Susacek, ein echter Österreicher aus einer echten österreichischen Stadt, genannt Herr Susi. Ein Mann ohne Gewissen, mit einem Arsenal an unlauteren und unmoralischen Methoden, vorwärts zu kommen. Der berufliche Aufstieg geht einher mit dem gesellschaftlichen, dessen Höhepunkt die Präsidentschaft eines Fußballclubs ist.#Natürlich denkt der österreichische Leser und Fußballszene-Insider an Graz und den skandalträchtigen Herrn Kartnig, tauchen schließlich auch Arnold Schwarzenegger und Peter Weibel im Romangeschehen auf - aber die Nähe zu Grazer Geschehnissen und gar Personen ist sicher rein zufällig! Ist die Weltsicht und Handlungsweise dieses Herrn Susi an sich schon schlimm genug, wird die Darstellung umso schlimmer durch die Erzählweise, die die Leser schonungslos mit der Welt- und Menschenauffassung dieses Herrn (!) konfrontiert. Sie prasselt auf die Leser nur so ein, Gelegenheit zur Erholung gibt es keine. Die Sprache nennt alles (von Herrn Susi) Gedachte auch genauso beim Namen und wird dadurch zum Abbild der Verrohung des Charakters, der sich als brutal und menschenverachtend entlarvt.#Die Kunst des Autors besteht vor allem darin, sich aus allem heraus zu halten. Nie mischt sich ein autoritärer Erzähler ein, keiner moralisiert oder be- oder verurteilt. Und am Ende gibt es auch nicht, wie zu befürchten war, eine Moral von der Geschicht'. Wie im Leben.#Brigitte Schwens-Harrant#*Sz*#Februar 2001</marc:subfield>
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