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      <marc:subfield code="a">Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Klaus Zeyringer; #Starke Bildhaftigkeit und Anspielungsreichtum#Erzählungen von Georg Petz#Im Schloss von Angers, in der Hochburg des Herrschaftsgebietes der Plantagenet, ist ein einzigartiges Kulturerbe zu sehen. Der über hundert Meter lange, fast fünf Meter hohe Wandteppich führt bunt ornamental und schauerlich eindringlich die Apokalypse nach Johannes vor Augen. Die einzelnen Abschnitte dieses Comics des 14. Jahrhunderts fangen jeweils mit der Figur des Erzählers an, der aus der gotischen Klause seinen Visionen nachblickt. Einmal beißt der Evangelist ins Buch, ein andermal stehen ihm buchstäblich die Haare zu Berge. Die Gräuel erscheinen nicht nur als zeitlose siebenköpfige Monster, sondern mittels englischer Soldatenfiguren sowie kleiner Symbolverweise auch als Auswüchse des Hundertjährigen Krieges. Das Ganze ist feinste Webkunst, eine motivisch verknüpfte Bild-Erzählung. Da kriecht am unteren Rand ein Hase in ein Loch, um dann - während darüber die Posaunen dröhnen - dreißig Meter weiter wieder aus der Erde hervorzukommen.#Eine derartige Wandteppichkunst kann man in kleineren Ausmaßen auch in der Normandie bewundern. Mit dieser Region am Kanal sind seit Wilhelm, "dem Eroberer", und im 20. Jahrhundert seit dem "längsten Tag" der Invasion kriegerische Auseinandersetzungen, danach mit den Erinnerungsfeiern und Museen friedliche Hoffnungen verknüpft.#Hier, in der Normandie und ihrem Anspielungsreichtum, situiert Georg Petz die anspielungsreiche Titelgeschichte seines Bandes Millefleurs, dessen Cover ein gefangenes, von unzähligen Blumenornamenten umgebenes Einhorn aus einem Wandteppich zeigt. Die einundzwanzig Erzählungen und kurzen Momentaufnahmen drehen sich in starker Bildhaftigkeit um die Ungewissheiten des Heranwachsens, die Mühen der Beziehungen oder der Einsamkeit, um die Suche nach einem heimischen Ort und um virtuelle Abbilder, um Lust und Verrat, um Melancholie und Übermut. Der im Oststeirischen lebende Autor, in Graz Lehrbeauftragter an der Anglistik und Mitherausgeber der Zeitschrift Lichtungen, hat den Band mit thematischen und motivischen Fäden angelegt, so dass ihn der Verlag im Klappentext mit einer mittelalterlichen Tapisserie vergleicht. Die Geschichten allerdings stehen auf einem heutigen, wenn auch oft schwankenden Boden; ihre Wurzeln reichen bis in die griechische Mythologie zurück. Das Zeitgemäße versieht Petz mitunter mit feinen ironischen Brüchen, das Poetische und die Vergleichskreise zieht er jedoch ein paar Mal um eine Spur zu weit.#Die Titelgeschichte hat Georg Petz beim Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt vorgetragen; geerntet hat er vor allem Unverständnis sowie Ablehnung. Aus seinem Millefleurs spricht nicht die besonders in Juryrunden geschätzte "Authentizität" (ohnehin kaum je mehr als eine Zuweisung), vielmehr bietet diese Prosa literarischen Reichtum und gewitzten Perspektivenwechsel, die einer flotten Lektüre wenig zuträglich sind. Die Französin Cecile und ihr deutschsprachiger Verlobter, der Ich-Erzähler, treffen in der Normandie Ceciles Jugendfreund Joseph: ein Dreieck, in dem die übliche Konkurrenz - durch Fremdheit und Erinnerung an Kriegsschuld weiter aufgeschaukelt - in trübes, gefährliches Gewässer führt (Wasser in verschiedenen Figurationen ist einer der Leitmotivfäden des ganzen Bandes). Joseph nationalisiert das Recht auf Gedächtnis. Auf ein "Wie furchtbar" über Caen und Verdun sagt er "Was weißt du schon" und betont: "Unser Land, und ihr habt eure Namen jedem Hügel eingeschrieben." Den Kampf tragen die beiden jungen Männer nicht mit Bomben und Granaten aus, sondern als Wettschwimmen mit Untergriffen, die womöglich - Klarheiten verschwimmen - bis zum Äußersten gehen können.#Den Hintergrund der Gedächtnislandschaft und der Aggressivität, die über den Hahnenstreit um die Frau hinausgeht, bilden naturgemäß Verweise auf den Krieg, entsprechend mit knappen literarischen Ornamenten versehen, zum Beispiel: mit der Farbgebung nach Gottfried Benn, der ja in konservativer Autorität die deutsche Nachkriegspoesie beherrscht hat; mit kleinen topographischen Bruchstücken nach dem französischen "Klassiker zu Lebzeiten" Julien Gracq, der in der Zwischenkriegszeit in Caen unterrichtete und sich später an die Loire, unweit von Angers, zurückzog. Die Erzählperspektive reicht von der Vogelsicht bis unter Wasser, sie gibt "eine Leserichtung nach unten" an, dem Wassersog gemäß. Und so beginnt Millefleurs: "Dieser Moment bleibt vorm Ertrinken: / Der Wind, der in die Wasseroberfläche fährt, und sie schlägt mit Flügeln wie der Himmel überkopf: ein Vogelschwarm, zieht mich in Leserichtung seines Fluges mit nach unten." An diesen Stränden, die Namen wie Omaha Beach nicht loswerden, erinnern "millefleurs", die Blütenteppiche der Gedächtnisfeiern, an den blutigen Sand. Miesmuscheln erscheinen "in Sturmbannführerschwarz", Korallen "schreien Stahl", die Flut "geht hoch und rot hier im Kanal".#Gewiss, dem "Authentischen" sind diese Prosa und ihr espritvolles Konzept nicht zuzuschlagen. Sie stehen hochartifiziell auf dem Boden der Sprachkunst. Manches jedoch kommt mir zu stark aufgetragen vor (Rouen: "von der Seine an ihre letzte Windung vor dem Seegang hingespieen"), nicht alle Vergleiche passen: "Der Vogelschwarm wie ein Geschwaderschatten" stimmt einfach nicht, da Geschwader ganz andere Schatten bewirken. Vermutlich hat Georg Petz eine Vergleichsdichte angestrebt, dadurch bleiben aber in ein paar Stellen des Bandes genaue Unterscheidungen auf der Strecke. Kinder sind eben nicht "wie ein Papageienschreien"; dass sich Mehl "wie Puder" auf die Brust setzt, stärkt das Bild nicht - so wie dies auf gelungene Weise die Beschreibung der Tanzkapelle im Steirischen vermag: "Vorne ringt einer mit der Ziehharmonika wie mit einem Tier, das wehrt sich und gibt nach."#Immerhin ist es die Aufgabe des Erzählers, Beziehungen aufzubauen und Bezüge herzustellen. Das gelingt Georg Petz in den meisten dieser Texte sehr gut. Mit dem ersten, Im Westen nichts Neues, kommt das Kriegsthema in den Band, hier im Computerspiel der Jugendlichen, für die das Virtuelle und das Reale ineinander übergehen. Die Eltern sind in einigen Erzählungen abwesend, die Väter weg, die Mütter müde am Tagesrand, die frühen Jahre voller Ungewissheiten. Zwei Schwestern erleben so Im Zeichen des Krebses Verwandlungsphantasien, denen die konzentrierte Prosa literarische Anverwandlungen wie den Undine-Mythos mitgibt (die Konstellation ist jener des, in Rauris prämierten, Debutromans Einladung an die Waghalsigen von Dorothee Elmiger ähnlich). Der besondere Klang ersteht im Rhythmus von ebenso eingängigen wie originellen Wiederholungen: "Das Geld, das Mama noch hat, geht in die Bar", sodann "gehen die Möbel aus dem Wohnzimmer bis auf das Sofa und das Schuljahr geht und schließlich ist auch Mama gegangen und Julia kommt im Krebsgang zu mir zurück."#Die Erotik des Unbekannten verweist auf Orpheus und Daedalus, so der Titel der Erzählung - in der heutigen Konsumwelt findet sie ihren Raum freilich in den Probierkabinen eines Warenhauses. Eine Helena verbringt ihren Silvesterurlaub in ihrer Einsamkeit eines eisigen Hotels (Eiszeit); die kurzzeitige Rückkehr ins Heimische der Oststeiermark bringt eine bodenständige Verbindung von Eros und Thanatos, Hochzeit und Friedhof, Fruchtbarkeit und Furchen, in Serenade heißt es fein ansprechend: "und keiner kehrt von hier zurück, ohne nicht wenigstens ein Wenigstes von seinem Leben hier zu lassen". Echo schildert eine jugendliche Beziehung, die zwischen Lust und Brutalität schwankt, das Abbild des Buben Narzis ist auf dem Wasser zu sehen, die Geschichte selbst ein Nachhall. Und in Anna flüchtet sich eine Unidozentin, die von ihrem Gefährten verlassen wurde, in die Narratologie und fragt sich, ob diese Theorie überhaupt eine "Entsprechung in der Wirklichkeit" habe. Dann jedoch meint sie: "Die Art, wie wir unsere Geschichten erzählen, verändert die Welt."#Kurz: Georg Petz legt vielschichtige und ansprechende Erzählungen vor, deren Lektüre nicht nur intellektuelles Vergnügen bereitet.</marc:subfield>
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