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Kassiopeia

Bezeichnung Wert
Titel
Kassiopeia
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Bettina Balàka
Medienart
Sprache
Person
Verlag
Ort
Innsbruck
Jahr
Umfang
343 S.
ISBN13
978-3-85218-693-1
Annotation
Quelle: bn.bibliotheksnachrichten (http://www.biblio.at/literatur/bn/index.html); #Autor: Elisabeth Zehetmayer; #Luftig-leichte Verwirrspiele vor der Traumkulisse Venedigs - intelligent, amüsant, abgründig und voller Überraschungen. (DR)#Bettina Balàkas Romanheldin Judit Kalman ist kein Kind von Traurigkeit. Die im Luxus aufgewachsene, verwitwete Mittvierzigerin hat es nicht nötig, einem Brotberuf nachzugehen, diverse Unwegsamkeiten des Lebens bewältigt sie mit Nonchalance. Als sie dem Bestsellerautor Markus Bachgraben begegnet, hofft sie, endlich den Richtigen gefunden zu haben. Doch nach einer vielversprechenden ersten Liebesnacht herrscht vorerst Funkstille. Heimlich heftet sich Judit dem vermeintlichen Traummann an die Fersen und folgt ihm nach Venedig, wohin sich der in einer Schaffenskrise befindliche Bachgraben für sein neues Romanprojekt zurückgezogen hat. Geschickt versteht es die erfindungsreiche Judit scheinbar zufällige Treffen herbeizuführen. Alles scheint nach Plan zu laufen, bis ihre exzentrische Freundin Erika, eine leicht nymphomane Galeristin und Kleinsthundebesitzerin, völlig unerwartet in der Serenissima eintrifft und sich Markus während eines romantischen Treffens in Luft auflöst. Ein höchst amüsantes, intelligent komponiertes, doppelbödiges Spiel nimmt seinen Lauf#Die in Salzburg geborene, heute in Wien lebende Autorin Bettina Balàka erhielt 2011 für ihren Romanentwurf zu "Kassiopeia" das Salzburger Jahresstipendium für Literatur, das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen! Gekonnt verwebt sie in den Hauptstrang der Handlung eine Vielzahl an originellen Episoden und eigenwilligen Charakteren. Mit sprühendem Sprachwitz und beißender Ironie umschifft sie mögliche Kitschfallen und Klischees, die sowohl Sujet als auch Schauplätze bereithalten würden, und nimmt stattdessen das Genre Frauenroman sowie Beziehungsnöte, Diätwahnsinn und Esoterikglaube gehörig aufs Korn. Eigensinnige Sprachbilder, pointierte Dialoge, raffiniert-verrückte Einfälle, unvorhersehbare Wendungen, solide recherchierte Einzelheiten und ein buntes Lokalkolorit sorgen in dieser geistreichen Tragikomödie für kurzweilige Unterhaltung - große Empfehlung für alle Bibliotheken!## ---- #Quelle: LHW.Lesen.Hören.Wissen (http://www.provinz.bz.it/kulturabteilung/bibliotheken/320.asp); #Autor: Margot Schwienbacher; #Man möchte meinen, Judit Kalman habe als Tochter eines reichen Bauunternehmers eine glückliche Kindheit gehabt. Aber da ist ihre ältere Schwester Katalin, von der sie glaubt, sie sei adoptiert worden und die Judit unermüdlich verfolgt. Katalin kann einfach nicht allein sein. Ist das der Grund für Judits pubertäre Ess-Störung? Mit Hilfe ihrer Ärztin kann sie das Übergewicht abbauen, und das Fasten wird für sie zur Lebensaufgabe. Als Erwachsene findet Judit eine neue Fixierung, nämlich den Erfolgsautor Markus Bachgraben, dessen Roman "Kassiopeia" sie eines Tages in einer Buchhandlung entdeckt. Sie ist überzeugt, dass dieses Buch nur geschrieben wurde, um sie zu trösten. Und so wird Bachgraben für Judit zum Objekt der Begierde - sein Schutzengel möchte sie sein. Nach einer Liebesnacht ist sie ihrem Lieblingsautor so dicht auf den Fersen wie einst die Schwester ihr. Sie folgt ihm sogar nach Venedig, wohin Bachgraben sich zurückgezogen hat, um arbeiten zu können. Und Erika folgt wiederum ihrer Freundin Judit in die Lagunenstadt, um endlich den berühmten Schriftsteller treffen zu können. Venedig ist voller literarischer Assoziationen, mit denen Bettina Baláka virtuos spielt. Sie hat einen dichten Roman komponiert, der LeserIn auf eine Gratwanderung zwischen Literatur und Leben (Illusion und Illusion) einlädt. Das Buch hat viele Facetten - Künstlernovelle und Familiengeschichte und lässt auch Nebenfiguren erzählerische Ausführlichkeit widerfahren.## ---- #Quelle: Literatur und Kritik; #Autor: Klaus Zeyringer; #Fantasien und Gegenfantasien#Bettina Balàkas Roman "Kassiopeia"#Um so einen Roman zu schreiben, braucht es nicht nur eine besonders ausgeprägte Einbildungskraft, sondern auch ein Grundvertrauen ins Erzählen, das mit Elementen der Realität eine andere Wirklichkeit in der Fiktion erschafft. Bettina Balàka verfügt offenbar über beides in hohem Maße. Sie begibt sich nicht auf das flache Terrain jenes knappen, imaginationsdürftigen Präsens-Stils aus enger Ich-Perspektive, der in Deutschland überhand genommen hat. Sie verweigert sich und ihrem Lesepublikum nicht das, was Berserker der Abbildungskraft und Apostel des Formmonopols abschätzig der "Unterhaltung" zuschlagen: eine originell arrangierte und faszinierend geschilderte Geschichte mit allerlei Verzweigungen.#Ihr Roman Kassiopeia beginnt scheinbar einfach und klischeehaft, indem die reiche, etwa vierzig Jahre alte Judit Kalman in Venedig ankommt. Aber die bekannten Bilder finden sich alsbald von unerwarteten überlagert, ja kurzzeitig geradezu vernebelt: Regenguss, Dunstschleier, befremdliche Passanten. Judit reist zu Markus Bachgraben, der seit seinem ersten und bislang einzigen Roman Kassiopeia als junger Erfolgsautor gilt - allerdings nun nachlegen müsste. Das soll er als Stipendiat in der Schrift­stellerwohnung in Venedig, wo er ­jedoch, wie es zunächst aussieht, vor allem über Stipendiatentum und Schriftstellerdasein sinniert. In die Ausgangslage setzt Balàka feine, dann auch deutliche Überraschungsmomente, so dass sich oft erweist: Ich ist ein Anderer, die Situation ist eine Andere; Fassaden verstellen die Sicht, die Wahrheit liegt hinter Vorgeblichkeiten. Bis sich ein paar Blätter weiter das Blatt erneut wendet. Und bis am Ende alles eine Erklärung findet - diese Auflösung ist der einzige Aspekt, der mich an diesem Buch stört, da sie allzu glatt aufgeht.#Von den Haupt- und von einigen Nebenfiguren bringt die auktoriale Erzählung wesentliche Aspekte ihrer Vorgeschichte sowie plastische Charakterbilder, ohne dass der Eindruck ersteht, über eine Person und ihr Leben vermöge man auch nur einigermaßen erschöpfend Auskunft zu geben. So bleibt ein Teil der Laufbahn von Judits Vater im Dunkeln. Seinen Aufstieg zum begüterten, geachteten Unternehmer pflegt der aus Ungarn Stammende unter Phrasen zu verdecken. Nur eine berührende Schlüsselszene, die im zerstörten Wien nach Kriegsende von einer im Versteck umgekommenen jüdischen Familie handelt, bringt Franz Kalman in seiner Dankrede für die Ernennung zum Kommerzialrat vor, Mitte der achtziger Jahre zum Befremden der Gäste in der Salzburger Alten Residenz.#Die Herkunft gibt ein paar Rätsel auf: Die Großmutter musste aus Südtirol wegziehen, weil sie mit Judits Mutter schwanger war und ihren "welschen" Liebhaber nicht preisgeben wollte; Judit nimmt an, dass ihre Schwester Katalin, die ihr auf die Nerven geht, adoptiert worden sei. Und alle Familienverhältnisse sind unbefriedigend und kompliziert.#Judit Kalman aber ist verwöhnt aufgewachsen. Nach dem frühen Freitod ihres ersten Ehemanns meint sie, untrügliche Zeichen hätten ihr den Gefährten ihres weiteren Lebens bestimmt - sie schleicht sich in das Leben von Markus Buchgraben ein, in Venedig will sie ihn völlig für sich gewinnen. Hier, in der Lagunenstadt mit ihren Masken, in der andere Zeichen alsbald auf Morbides sowie Gespenstisches hindeuten, gelangt ein Beziehungs- und Manipulationsspiel mit entsprechenden Nebenhandlungen zu einem Höhepunkt. Dem doppelten Spiel gibt Venedig den doppelten Boden: "als man die alten Friedhöfe in der Stadt aufgelassen und die Toten auf ihre eigene Insel verlegt hatte, hatte man natürlich nur die oberste Schicht entfernt. Man ging und lebte auf einem einzigen Friedhof"; nicht jeder "vertrüge ein solches Ausmaß an Vergangenheit, die ja immer eine Ansammlung von Todesfällen sei. Manche würden von Beklommenheit erfasst und sähen überall Omen. Andere meinten, etwas Fremdes kröche da in sie hinein, das sie verändere." Diese Worte weisen nicht nur in die Tiefen der Stadt, sondern auch in die Tiefen der Romanhandlung.#Bettina Balàka schafft feine Spannungsbögen, indem sie Vorgänge der Vergangenheit zunächst im Unklaren lässt, um sie im passenden, oft unerwarteten Moment vorzuführen und dadurch dem Roman eine leichte Sprunghaftigkeit zu geben. Dies bringt bei der Lektüre überraschende Wendungen und bildet zugleich ein breites Erzählnetz, das disparate Zeiten, Orte und Figuren zusammenhält. Man hat gerade am Ende des Kapitels 12 gelesen, wie Judit mit Markus durch Venedig geht und er verschwindet, als sie von der Accademia-Brücke den Mond über San Marco bewundert: "ein Lampion, in dem eine ruhige gelbe Flamme brannte, und sein Spiegelbild, das im Wasser zitterte. Eine ideale Komposition, ein Gemälde. Ein Blick in eine Laterna magica, durch die man auf einem Jahrmarkt schaute, während der Geliebte hinter einem stand." Da steht er aber nicht mehr. Die Laterna magica täuscht. (Im Rückblick einer späteren Szene erhalten das Mond-Spiegelbild und die romantischen Sätze eine ganz andere Erhellung.) "Am 25. Juli 1972 hatte Gundula Rebitzer geplant, ihren Mann Oliver um die Scheidung zu bitten", liest man dann am Anfang von Kapitel 13, ohne den Zusammenhang mit dem Geschehen auf der venezianischen Brücke erkennen zu können. Erzählen baut Brücken, wo zunächst keine sind.#In einem anderen Kapitel sitzt Tom Kerner wenige Schritte von der Rialto-Brücke entfernt am Restauranttisch: Judit nennt den Autor mit dem Namen seiner Figur, Markus als Tom. Und Markus Bachgrabens Roman Kassiopeia wird einem als Nacherzählung ihrer Lektüreerfahrung nahe gebracht.#Das Romaneske der Handlung unterstützt Balàka zudem mit zahlreichen literarischen Verweisen, etwa auf Ro­bert Menasses Don Juan de la Mancha, mit kurzen satirischen Seiten­blicken auf den Literaturbetrieb. Dadurch lässt sie die Vielschichtigkeit und die Stimmung erstehen, in der zwei Rollenspiele und Manipulationsversuche originell aufeinander prallen. "Man manipuliert immer", notiert Markus; er stellt fest, "dass der Versuch, eine andere Person dahin zu bringen, Fantasien über einen selbst zu entwickeln, unweigerlich dazu führt, dass man Gegenfantasien entwirft." Das Spiel bestehe darin, Anziehung und Abstoßung so unerwartet abzuwechseln, "dass Realität verschwimmt". Sie verschwimmt allerdings weniger im Romantext selbst (wie im "Gebrochenen Realismus", etwa von lateinamerikanischen Autoren), sondern für die Wahrnehmung der Figuren.#Während der Schriftsteller Markus literarisch reflektiert, will sich die scheinbar lebenspraktische Judit nicht mehr von den Zufällen und Unwägbarkeiten der Existenz überraschen lassen. Sie behilft sich mit Organisation - und mit allerlei Listen, mit denen sie sich die Sicherheit der Ordnung vorschreibt. Aus der Literatur erwächst ihr ein Zeichen, Kassiopeia versteht sie "als Lockstoff für den einzigen Menschen, der den Geruch zu deuten wusste. Das Buch als Geheimschrift."#Der Buchtitel Kassiopeia ist den beiden Hauptfiguren in ihrer Kindheit eine klangliche Offenbarung und Geborgenheit im Wort; bei Judit steht es auf Platz 3 in der langen Liste der Lieblingswörter. Erst später erhält es seine Erklärung aus der mythischen Erzählung der griechischen Antike und als Sternbild.#Mit der Vielfalt von Geschichten, die sie in einem spannenden Netz verknüpft, mit narrativer Vielschichtigkeit und sprachlicher Prägnanz, mit interessanten Charakterbildern, mit der klugen Verschränkung von Motiven, Themen, Ebenen gelingt Bettina Balàka eine scheinbar manchmal auseinander treibende, jedoch auktorial schlüssig geordnete Erzählung. Eine gewitzte Tragikomödie über Geschichte, Herkunft, Beziehungen, über Versuche der Übersinnlichkeit und über Sinnlichkeit, über Masken und Spiel, Realität und Fiktion.## ---- #Quelle: Pool Feuilleton; #Die Kraft der Literatur besteht darin, dass sie aus einem logischen Arrangement des Alltäglichen hinausführt in die Poesie des Unerklärbaren.#Bettina Balàkas Roman Kassiopeia beginnt mit einem klassischen Versatzstück der Literaturgeschichte. Der Schriftsteller Bachgraben zelebriert nach seinem Erfolg mit dem Roman "Kassiopeia" seine Schreibkrise und zieht sich für den nächsten Coup nach Venedig zurück. Seine Geliebte Judit Kahlmann verehrt ihn, wie man nur einen Schriftsteller verehren kann und reist ihm nach Venedig nach. Dann kommt die Freundin der Verehrerin auf die Idee, mit ihrem Hund nach Venedig zu reisen, weil ein Hund gut nach Venedig passt. Schließlich ruft die Schwester der Verehrerin ununterbrochen in Venedig an und muss bei jeder Gelegenheit aus dem Handyspeicher gedrückt werden.#Plötzlich mitten im Menschengewühl verschwindet der Schriftsteller, an seiner statt laufen plötzlich Familiengeschichten, historische Stammbaumstrukturen und die die lästige Welt der familiären Wochenendbeziehungen in Venedig ein. Völlig ungezwungen tauchen Kindheitserinnerungen an eine Südtiroler Oma und an einen Salzburger Kommerzialrat auf, Freundinnen aus vergangenen Schultagen stülpen sich über den Canale Grande und kaputte Ehen gondeln im Kanal der Erinnerung herum.#Zwischendurch führen Judit und ihre Freundin echte Gespräche, zum Beispiel erzählen sie einander die peinlichsten Sexerlebnisse, wobei in einer Episode jemandem beim Oralverkehr der Kiefer aus dem Scharnier springt, während in einer anderen ein Mann eine Genitalmassage mit Chilischoten über sich ergehen lassen muss.#Gerade als man als Leser glaubt, der Roman sei ein Panorama großer Familienfurchen im Gelände der Gegenwart, schwenkt er abermals und wird zu einem fiktionalen Muster eines Hyper-Romans. Literarische Begegnungen entwickeln eine eigene Wirklichkeit, Judit bricht in den Computer des Schriftstellers ein und liest ihre eigene Geschichte als Roman, den sie mit dem Befehl "Game over" beendet.#Der Text des Romans ist längst aufgedröselt in einen Werkstatt-Text, der zum Teil noch gar nicht in eine Form gegossen ist. So tauchen immer wieder Entwürfe, Notizen oder Zettel mit verrückten Ideen auf. Beispielsweise gibt es eine Einkaufsliste für Dinge, die gerade nicht gekauft werden sollen, in einer anderen Liste sind die Lieblingswörter einer Protagonistin verzeichnet, unter anderem das Wort Kassiopeia, das ein Sternbild, ein Lieblingswort oder ein Bestseller sein kann. Die zitierten Sätze werden zur Wirklichkeit, während ausgesprochene Sätze noch in der Sprechluft zu Zitaten gefrieren.#"Auch wenn wir nackt sind, spielen wir nur etwas vor, heißt es in Kassiopeia", heißt es im Kassiopeia-Roman. (183)#Die Heldin ist letztlich ganz baff, als sie erfährt, dass sie durch und durch eine andere ist, als man ihr bisher erzählt hat. Tatsächlich endet der Roman in einer klugen Verquickung von Gerüchten, falschen Tatsachen und literarischen Erzählstrategien. - Lesen wird zu einem lustvollen Dechiffrieren von verworrenen Sachverhalten.#Helmuth Schönauer