Bücherei der Marktgemeinde Perchtoldsdorf

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Die Hunde von Montpellier

Bezeichnung Wert
Titel
Die Hunde von Montpellier
Untertitel
Roman
Verfasserangabe
Anna-Elisabeth Mayer
Medienart
Person
Auflage
1. Aufl.
Verlag
Ort
Frankfurt am Main
Jahr
Umfang
194 S.
ISBN10
3-89561-136-0
ISBN13
978-3-89561-136-0
Annotation
Wenn man den Standpunkt vertritt, dass sich ein literarisch gelungener Text bereits in seinem ersten Satz zu zeigen gibt, dann stimmt der Beginn des zweiten Romans der in Salzburg geborenen und in Wien lebenden Autorin Anna-Elisabeth Mayer hoffnungsvoll: "Im Montpellier von 1539 wühlten die Hunde in Abfällen und Menschen." Damit sind Ort und Zeit dieses Romans benannt, zugleich das Licht deutlich gemacht, in das dieser Text getaucht ist: es ist eine düstere, gewaltvolle und gnadenlose, eine bewusstlose Welt, eine, in der so etwas wie Vernunft und Wissen(-Wollen) als gefährlich gelten: Heiligsprechung des Menschen und Menschenverachtung liegen in diesem Kosmos sehr nahe beieinander. Krankheit, Zerbrechlichkeit, Tod: sie stehen - wie bereits in Anna-Elisabeth Mayers Debüt Fliegengewicht - im Zentrum dieses Textes. Der erste Satz des Romans zeigt auch an: hier wird, im traditionellen Sinne, erzählt. Ornamentlos und zugleich detailreich. Was besticht, bereits auf den ersten paar Seiten, ist die gekonnt inszenierte narrative Engführung von scheinbar Widersprüchlichem: die Gleichzeitigkeit von ­Unterschiedlichstem und die daraus resultierende Komplexität wird so, gewissermaßen, "gezeigt", nicht erzählt. Wer spricht? Eine Erzählerstimme, die den Überblick über das Geschehen, reichlich Distanz zu diesem zu haben scheint und sich selbst nicht zum Thema macht, sich nicht problematisiert. Was nicht heißt, dass sich der Text als Text nicht mitdenkt. Jedenfalls: In den zehn Kapiteln, in die der Roman gegliedert ist, werden unterschiedliche Schlaglichter auf das Montpellier des 16. Jahrhunderts geworfen. Dreh- und Angelpunkt dabei: der historisch verbürgte Arzt Guillaume Rondelet. Mitte des 16. Jahrhunderts war er Professor für Medizin an der Universität von Montpellier. In einer Zeit, die weit davon entfernt war, Anatomiekurse als wesentlichen Bestandteil eines medizinischen Studiums zu begreifen, war er getrieben von der Überzeugung: nur der Blick unter die Haut macht es möglich, den Menschen zu begreifen und die Gleichheit aller Menschen zu beweisen, nur das Erforschen von ­Todesursachen kann die Medizin vorwärts bringen. Er sagt im Text einmal: "Man muss den Körper in- und auswendig kennen, das ist die einzige Notwendigkeit." Seine Überzeugung macht schließlich auch vor dem eigenen, tot geborenen Kind nicht Halt und er "öffnet", wie es im Roman heißt, auch sein eigen Fleisch und Blut. Das Anlegen des Messers an sein eigenes, tot geborenes Kind: es wird zu seinem Verhängnis. Nicht zuletzt, weil er dies hinter dem Rücken der Mutter des tot geborenen Kindes macht, also hinter dem Rücken seiner Frau, die er liebt. Was ihm seine Zeitgenossen als Menschenverachtung, als "Barbarentum" auslegen, ist aus seiner Sicht Ausdruck einer nicht zu bändigenden Zuneigung zu den Menschen. Anna-Elisabeth Mayer erzählt in diesem Roman also von einem, der radikal mit den Denknormen seiner Zeit bricht und den es nicht besonders zu kümmern scheint, dass er damit seine Existenz aufs Spiel setzt. Dieser Anti-Held wird in all seiner Getriebenheit, seiner Zerrissenheit und Angreifbarkeit gezeigt. Dass er etwa seiner Frau, die unendlich daran leidet, ein totes Kind zur Welt gebracht zu haben, nicht in seine Entscheidung einbindet, dieses obduzieren zu wollen, wirft unterschiedlichste Fragen auf, darunter folgende: Wenn im Namen der Wissenschaft, wenn für so etwas wie Fortschritt in Kauf genommen wird, dass jenen, die einem am nächsten sind, große seelische Schmerzen zugefügt werden - was sagt das über die Verfasstheit des Akteurs aus und die Absichten der Wissenschaft? Die gute alte Frage, ob das Ziel die Mittel heiligt, wird an dieser Szenerie aktualisiert. Fest steht, Rondelets Neugier, woran sein Kind gestorben ist, ist größer als der väterliche Schmerz über den Verlust. Aber steht das wirklich fest? Der Text lässt auch dies offen. Eine der zentralen Szenen im Roman - die Obduktion des toten Kindes - findet ihren Höhepunkt in folgender narrativen Engführung: "Während er (Rondelet) das Gesicht entfernte, beobachteten ihn die Augen der andren, als wäre er selbst ein Organ. Jeanne (Rondelets Frau), die Hände auf ihr Gesicht gepresst. Rondelet wünschte seine Ähnlichkeit zurück. Der Hund bettelte." Anhand der Hauptfigur erzählt dieser dramaturgisch äußerst geschickt gebaute Text, der vom Ende her seine Geschichte entwickelt, von etwas, das man als einen "Evergreen des menschlichen Zusammenlebens" bezeichnen könnte. Veranschaulicht wird jene fatale Dynamik, die wirksam wird, wenn es sich einer erlaubt, den geltenden Common Sense aufzukündigen und dem gerade in Kraft seienden "gesunden Menschenverstand" zu widersprechen, gegen die Konventionen seiner Zeit zu verstoßen. Dass der so genannte "Volkszorn", von dem im Roman an einer Stelle die Rede ist, stets auf gefährlichen Vereinfachungen basiert, dass Vereinfachungen zerstörerische Folgen haben können: das zeigt dieser Roman eindringlich. Rondelet ist einer, der auf der Notwendigkeit zu unterscheiden, auf der Dringlichkeit eines differenzierten Blicks auf die Welt und die Menschen beharrt - und er ist damit, in den Augen der Mehrheit, ein Störenfried, der aus der Welt geschafft gehört. Eine der wenigen Figuren im Roman, die Rondelet bis zum Schluss beistehen, sagt an einer Stelle - und das ist heute ebenso gültig wie ehemals -: "Schreihälse finden schnell zusammen." Eine poetologische Schlüsselstelle im Text ist, was auf den ersten Blick als randständiges Ereignis erscheint: Rondelet bringt seiner Schwägerin das Lesen und Schreiben bei. Was auch zur Folge hat, dass diese die Schmierereien auf ihrem Haus entziffern kann - sie gelten Rondelet, der gemeinsam mit seiner Frau im Haus der Schwägerin wohnt. Ein Hund sei er, ist da zu lesen. Viel später im Text findet sich über die Schwägerin folgender Satz: "Sie hatte also lesen gelernt, damit sie etwas lesen musste, was sie nicht lesen wollte." Das heißt bezogen auf einen größeren Kontext: die Entzifferung der Welt ist ohne das Einblicknehmen in ihre Abgründe nicht zu haben; keine wirkliche Erfahrung ohne Erschütterung. Gemünzt auf die Literatur: Wenn sie den Namen verdient, macht sie den Blick frei auch auf schmerzvolle Wahrheiten. Die Literatur, so legt es der Roman nahe, ist eine Art Blick unter die Haut, und dieser Blick birgt stets auch die Einsicht in die Hinfälligkeit jeder Schönheit. Anna-Elisabeth Mayer legt mit "Die Hunde von Montpellier" einen Roman vor, der, betrachtet man seine Oberflächenstruktur, schlicht gestrickt ist. Erst bei näherem Hinsehen entfaltet er seine Vielschichtigkeit und zeigt seine Offenheit in viele Richtungen. Das zeugt von großem handwerklichem Können. Ein Text, der brisante gesellschaftspolitische, ethische Fragen aufwirft, ohne selbst zu moralisieren und damit zu vereinfachen: darin besteht seine größte künstlerische Leistung. Die Hunde, das sollte abschließend noch erwähnt werden, prägen leitmotivisch diesen dunkel leuchtenden Text. Sie scheinen wie eine permanente Ermahnung daran zu sein, dass die Grenze zwischen Tier und Mensch eine fragile ist, zu jeder Zeit und überall.