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Texte zur Körper- und Mehrfachbehindertenpädagogik

Bezeichnung Wert
Titel
Texte zur Körper- und Mehrfachbehindertenpädagogik
Untertitel
schwere Behinderung in Praxis und Theorie : ein Blick zurück nach vorn
Verfasserangabe
Andreas D. Fröhlich
Medienart
Sprache
Person
Auflage
1. Auflage
Verlag
Ort
Düsseldorf
Jahr
Umfang
337 S.
ISBN13
978-3-910095-50-2
Band
1
Fußnote
Literaturangaben
Schlagwort
Annotation
Aus der Einleitung: 25 Jahre, vielleicht auch 30 Jahre, wollen wir Sie, liebe Leserinnen und liebe Leser zurückblicken lassen, damit Sie in Ihrer eigenen Arbeit den Blick nach vorn richten können. Die Bemühungen um die pädagogische und therapeutische Förderung schwerst mehrfachbehinderter Menschen sind noch nicht sehr alt. Viele Jahre wurden sie versorgt, gepflegt, behütet und wohl auch geliebt, aber oft auch vergessen, gerade notdürftig versorgt, solange sie eben am Leben blieben. Man rechnete eher mit einem frühen Tod, erhoffte ihn manchmal auch. Die Hilflosigkeit war weit verbreitet, Ideen fehlten, insbesondere die Eltern waren allein gelassen. An verschiedenen Stellen begannen dann Aktivitäten, sich diesen Kindern und Jugendlichen zuzuwenden, unterschiedliche Ideen, Vorstellungen, Modelle wurden entwickelt, um für diese der Pädagogik und Therapie eigentlich unbekannten Mädchen und Jungen etwas Nützliches zu entwickeln. Bisherige Grenzen und Barrieren des Denkens wurden überwunden, es kam zu einer Aufbruchstimmung einer damals jungen Generation von Pädagogen und Psychologen, von Therapeutinnen und Therapeuten und zum Teil auch Ärztinnen und Ärzten sowie von Personen anderer verwandter Berufe.

Der Blick zurück nach vorn soll helfen zu verstehen, wie diese Bewegung sich entwickelte, welche Schwierigkeiten auftauchten und wie sich die anfänglichen Gedanken veränderten und an die Gegebenheiten anpassten. Ein Blick zurück zeigt, wo die Gegenwart ihre Praxis hat, was sie der Vergangenheit verdankt, welche geistigen und praktischen Auseinandersetzungen schon gelaufen sind, damit wir Heutigen unsere Arbeit so tun können, wie wir sie für gut halten.

Der Blick zurück macht aber nur dann Sinn, wenn er sich nach vorn wendet. Denn schon Morgen ist Zukunft, schon morgen können wir nicht mehr genau so arbeiten wie heute. Jeder Tag bringt Erfahrungen, jeder Tag erzeugt neue Ideen, die sowohl die Konzepte wie auch die bewährte Praxis bereichern, ausweiten, vielleicht auch in Frage stellen und überflüssig machen. Der Blick nach vorn signalisiert auch einen gewissen Optimismus, der sich darauf bezieht, dass auch in Zukunft Wissen zusammengetragen werden kann, dass auch in Zukunft neue praktische pädagogische und therapeutische sowie pflegerische und medizinische Erkenntnisse gewonnen werden können, die die Lebenssituation schwerstbehinderter Menschen verbessern helfen.

In den zurückliegenden Jahren hat sich ein wesentlicher Paradigmenwechsel vollzogen, dessen Auswirkungen im Hinblick auf sehr schwerstbehinderte Menschen wir noch gar nicht voll ermessen können. Am Beginn der systematisierten Arbeit waren sie zweifellos Objekte fürsorglicher, wissenschaftlicher und praktischer Arbeit. Man wollte etwas aus ihnen machen, man wollte ihre Entwicklung in Gang bringen, man wollte sie bilden nach den Vorstellungen der nichtbehinderten Welt. Wir haben erkennen dürfen, dass diese sehr schwerbehinderten Kinder und Jugendlichen eine eigene Dynamik, eine eigene Persönlichkeit und damit auch einen eigenen Lebensweg haben. Wir sind nicht mehr die Macher ihrer Zukunft, sondern auch sie sind Akteure ihrer eigenen Entwicklung, auch sie gestalten zusammen mit uns ihre Entwicklung, und wir sind dabei Begleiter, Arrangeure, vielleicht auch Organisatoren. Dieser Rollenwechsel, diese neue Sichtweise weg vom Defizit, hin zum Potential, wird auch in der Zukunft neue Einsichten, neue Erkenntnisse und neue Möglichkeiten eröffnen.

Als die drei Herausgeber haben wir versucht, in diesem Band die wichtigsten und einflussreichsten Bemühungen um die Förderung sehr schwerbehinderter Menschen in den vergangenen Jahrzehnten zusammenzubringen. Wir sprachen die Autoren, das heißt ja im eigentlichen Wortsinne die Urheber dieser Konzepte an und baten sie, über Entstehung und Entwicklung ihrer Arbeit zu berichten. So sind denn in sehr vielen Kapiteln wirklich authentische Darstellungen zu Stande gekommen, die häufig auch so etwas wie autobiographische Züge tragen. Damit stellt dieses Buch ein besonderes Dokument dar. In anderen Fällen ist es nicht gelungen, die Urheber zu Wort kommen zu lassen, wir haben uns bemüht, Mitarbeiterinnen, Freunde, Nahestehende oder Experten als Autoren zu gewinnen, damit die angestrebte Authentizität doch so groß wie nur möglich ist. Bedauerlicher Weise mussten wir auf Beiträge von Georg Feuser und John F. Kane, die in den letzten 25 Jahren die Arbeit mit Menschen mit schwerster Behinderung wesentlich mitbestimmt haben, verzichten, da beide ihre Mitarbeit an diesem Buch aus Zeitgründen kurzfristig absagen mussten.

Manche Leserinnen und Leser mögen den einen oder anderen Ansatz vermissen. Sicherlich ist eine umfassende Vollständigkeit bei einem Buch wie diesem nicht möglich. Da dieser Band aber der Beginn einer Reihe sein soll, wird es möglich sein, einmal in Zukunft noch Ergänzendes zu veröffentlichen. So nehmen wir denn gerne Anregungen auf. Lange haben wir überlegt, in welcher Systematik wir die Beiträge ordnen sollen. Wir dachten darüber nach, ob dies eine Aufteilung in mehr theoretische und mehr praktische Konzepte sein könnte, ob wir stärker zwischen therapeutischen und pädagogischen unterscheiden sollten und kamen schließlich doch zu dem Schluss, dass unsere Ordnungssysteme untauglich sind. So sind wir zur einfachsten und ehrlichsten Gliederung gekommen: Alle Autorinnen und Autoren finden sich in alphabetischer Reihenfolge.

Wir wünschen Ihnen beim Lesen, beim Nachdenken und beim Entwickeln eigener neuer Ideen, vor allem aber bei der Begegnung mit schwerstbehinderten Menschen viel Freude und alle Art von Erfolg. (Andreas Fröhlich, Norbert Heinen, Wolfgang Lamers)
Altersbeschränkung
16
Illustrationsangaben
Illustration(en)